Auszüge (sehr gekürzt) aus einem Artikel von Andreas Krüger und Hans-Jürgen Achtzehn aus den Homöopathischen Einblicken

Den ganzen Artikel und vieles mehr finden sie unter: www.samuelhahnemannschule.de

Prozessorientierte Homöopathie

Die Ausgangsbasis

Wir beobachteten, dass nach der Gabe des lege artis gewählten Heilmittels nicht nur eine Reaktion auf der Ebene des vorherrschenden Symptoms auftrat, sondern oft auch eine individuelle Veränderung, ein "Erkenntnisprozess" einsetzte. Anfänglich drückten sich diese Veränderungen oft in Traumbildern aus, schlugen sich aber bei fortwährender Therapiezeit und wiederholten Arzneimittelgaben in klarer und direkter Form auch im Verhalten und Denken des ganzen Menschen nieder. Im weiteren Verlauf erfuhren wir, dass diese Veränderungen entweder im Sinne eines eigenständigen Prozesses dauerhaft (homöopathischer Gnadenakt) als Heilung blieben oder sich, was leider öfters der Fall war, nicht auf Dauer als ein neuer integrierter Wesenszug im Leben des Patienten niederschlugen. Zu oft verblassten diese gesünderen Eigenschaften wieder im alltäglichen Geschehen, und alte Charakterzüge schlichen sich mehr oder weniger wieder ein.

Am auffälligsten erleben wir das im Bereich der psychischen Symptome. Zum Beispiel kann es sein, dass eine Patientin mit einem neurodermitisch aussehenden Hautausschlag zu uns kommt und darüber klagt, dass sie immer missverstanden wird, sich für alle aufopfert, um alle sorgt, dass sich aber um sie in der Not niemand kümmert. Die für sie richtige Arznei könnte z.B. Nat-m. sein. Daraufhin werden die Hautsymptome verschwinden, und sie wird sich für eine lange Zeit sehr wohl fühlen. Doch dann sitzt sie plötzlich wieder vor uns, berichtet über das erneute Aufflackern ihrer Hautsymptome, und wir erfahren bei näherem Nachfragen, dass sich an ihrer emotionalen Unzufriedenheit nichts verändert hat. Natürlich wiederholen wir modifiziert die Arznei - bei erneutem Wiederkehren der gleichen Symptome wechseln wir sie evtl. auch, weil wir glauben, dass wir die Idee des Falles nicht verstanden haben -, aber es will sich kein durchgreifender Erfolg einstellen. Das Wesen der Arznei, das mit dem Wesen der Patientin verbunden war, hat die Symptome vorerst verschwinden lassen, es war aber scheinbar nicht in der Lage, dauerhaft verändernd auf die Patientin einzuwirken. Solche und ähnliche Fälle begegnen uns in der Praxis immer wieder. Der Fehler besteht nicht darin, dass die Arznei nur palliativen Charakter hatte oder dass man die Arznei wechseln müsste, sondern darin, dass wir bei der Wirkung der richtigen Arznei den inneren Widerstand des zu behandelnden Menschen nicht mit berücksichtigen. Mit diesem inneren Widerstand ist nicht der Glaube an eine homöopathische Heilung gemeint, sondern vielmehr die Frage, ob dieser Mensch, so wie er jetzt ist, wirklich gesund werden möchte.[...]


Das Symptom

Die Begriffe von Gesundheit und Krankheit stehen sich in der naturwissenschaftlichen Lehre polar gegenüber wie Gut und Böse und sind ein Ergebnis dualistischer Weltanschauung. Die Homöopathie in unserem Verständnis fußt auf einer Weltanschauung mit dem alles entscheidenden Vorgang, dass man im Einen das Ganze erlebt, sieht und erkennt. Was wir davon in der Wirklichkeit erleben und womit wir uns gerade in der Homöopathie insbesondere zu beschäftigen haben, ist der Vorgang des Lebendigen, d h. ein Vorgang, der sich durch ein In-Beziehung-Treten auszeichnet. Alles Lebendige steht mit allem in Beziehung, nichts ist für sich allein zu betrachten, es herrscht in jedem Augenblick ein Aufnehmen und Abgeben, ein Fließen und Wandeln. Paul Dahlke sagt dazu: "Wirklichkeit als Ernährung begreifen, heißt nicht eine solipsistische, rein subjektivistische Weltanschauung schaffen, in der nichts herrscht als die Eigensucht des Essers, sondern es heißt Wirklichkeit als ein ständiges Sich-Beziehen begreifen, das überhaupt keinen festen Standpunkt hat, weder im subjektiven noch im objektiven Sinne, sondern für das nichts übrig bleibt als dieser Vorgang des Sich-Beziehens von innen nach außen, ein Subjektiv-Objektives, das durch sein Dasein die Grenze zwischen beiden verwischt, in Frage stellt, aber gleichzeitig als wirklich sich dadurch erweist, dass es zwei Seiten hat, eine subjektive und eine objektive", und weiter: "Eine Disziplin, mag sie sein was sie will, Heilkunde oder sonst etwas, die auf Weltanschauung verzichtet, d.h. die darauf verzichtet, sich selber im Ganzen wiederzufinden, die verzichtet damit auf das Beste, auf ihre eigene Zukunft"[...]


Die "Anlage"

Mit dem Faktor, der in der Homöopathie mit dem Begriff der "Anlage" oder Konstitution bezeichnet wird, arbeiten einige Heilmethoden, ohne ihn jemals in seiner inhaltlichen Aussage definiert zu haben. Die "Anlage" ist eine Größe, mit der der Mensch geboren wird. In ihr sind die Stärken und Schwächen angelegt, die diesem Menschen zunächst unbewusst für sein In-Beziehung-Treten mit der Umwelt und seiner Primärgruppe (Eltern und Geschwister) zur Verfügung stehen. Trotz des unbewussten Ausdrucks ist es aber möglich, diese "Anlage" zu benennen. Am leichtesten ist das möglich, wenn dieser Mensch Symptome zeigt, die uns diese "Anlage" erkennen lassen (z.B. Milchunverträglichkeit, Hautreaktionen, Anfälligkeit für Infektionen usw.). Wir suchen dann nach einem ähnlichen Arzneimittel und sagen, dass der Patient z.B. eine Calcium-carbonicum- oder Lycopodium- oder Medorrhinum-Konstitution hat.

Wir möchten diesen Begriff der "Anlage" aber noch weitgehender definieren. Durch die neuen Arzneimittelprüfungen bzw. -begegnungen ist es uns möglich geworden (s.u.), nicht nur ein "Krankheitsbild", sondern auch ein "Gesundheitsbild" in einer Arznei zu erkennen. Aus diesem Grund sprechen wir vom "Wesen der Arznei"; dieses "Wesen" ist ein umfassendes und bildet eine Ganzheit, die aber, da sie z.B. zum Bereich der Pflanzen gehört, einen passiven Ausdruck besitzt und bei den Pflanzen selbst in keiner Form als "krank" in Erscheinung tritt, sondern lediglich eine "Verzerrung" der "Urpflanze" darstellt (W. Pelikan, Heilpflanzenkunde I). Eine Lycopodium-Spore trägt in ihrem Wesen alles in sich, was auch einen lycopodischen Menschen ausmacht, d.h., die Wesenhaftigkeit z.B. einer Pflanze oder eines Minerals ist ähnlich der "Anlage" oder Konstitution eines Menschen im "Positiven" wie im "Negativen" - mit dem Unterschied, dass sich der Mensch dieser "Anlage" bewusst werden und verändernd auf sie einwirken kann.[...]

Die Homöopathie ist eine erlebnis- oder erkenntnisfördernde Medizin. Sie nimmt uns aber nicht den mühsamen oder anstrengenden Prozess der Wandlung ab, sondern kann uns bestenfalls Kraft für diesen Prozess zur Verfügung stellen. Unsere Freiheit ist die Freiheit, uns trotz des rechten Mittels gegen den Prozess der Wandlung zu stellen; wir haben also die Freiheit, krank bleiben zu dürfen.


Das Heilungsgeschehen

Wenn wir uns mit dem Heilungsgeschehen befassen, dann müssen wir erst einmal klären, was heil oder gesund sein bedeutet - immer unter dem Vorbehalt, dass wir einen absolut gesunden Menschen nie erleben werden. Die Definitionen sind so vielfältig wie die Beschreibungen über den Weg, wie ein Kranker dorthin gelangt. Da niemand von uns jemals einen wahrhaft Gesunden erlebt hat, fällt es natürlich schwer, etwas zu beschreiben, was wir eigentlich so nicht kennen. Dennoch möchten wir den Versuch wagen und unsere Vorstellung von Gesundheit kurz andeuten: Gesundheit heißt, in seinen Entscheidungen frei zu sein, eine reichhaltige Gefühlswelt zu besitzen, seinen Intellekt uneingeschränkt gebrauchen zu können, den Körper frei von Beeinträchtigungen zu erleben und bei all dem - und das ist das Wichtigste - diese Eigenschaften konstruktiv zum Wohle und Nutzen aller zur Verfügung stellen zu können - ganz im Sinne der Einsicht, dass wir alle Teil eines Ganzen sind.[...]


zur Ausbildung prozessorientierte Homöopathie